Alltag und politische Realität vor dem Berliner Landgericht – Strafverfolgung
im Nationalsozialismus

Workshop am 9. Mai 2017 im Landesarchiv Berlin
Eine Kooperationsveranstaltung des Landesarchivs Berlin, der Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Geschichtswissenschaften und der Historischen Kommission zu Berlin.

Mit rund 156.000 Einheiten ist der im Landesarchiv Berlin verwahrte Archivbestand zu den bei der Generalstaatsanwaltschaft beim Landgericht Berlin entstandenen Akten über in der NS-Zeit geführte Strafverfahren die größte erhalten gebliebene und zusammenhängende Dokumentation der Tätigkeit einer Strafermittlungsbehörde im Dienste des Unrechtsregimes.

Die Generalstaatsanwaltschaft beim Landgericht Berlin war die größte Behörde ihrer Art im Deutschen Reich und sie übte ihre Tätigkeit in der bevölkerungsreichsten deutschen Stadt aus, die sich seit 1933 im Zeichen der ausufernden nationalsozialistischen Terrorherrschaft und dann der Folgen des Weltkriegs von einem kulturellen Zentrum und prosperierenden Handels- und Wirtschaftsplatz hin zu einem von großem menschlichen Leid und schweren Zerstörungen geprägten Ort entwickelte.

Die Akten enthalten über die Darstellung der juristischen Mechanismen als rechtshistorischem Forschungsgegenstand hinaus einzigartige und bisher kaum beachtete Quellen von der Kleinkriminalität bis hin zum Kapitalverbrechen zur Erforschung der sozialen Wirklichkeit, wie sie in dieser Dichte in anderem Archivgut nicht zu finden sind. Diese Akten sind ebenfalls schriftliche Zeugnisse, wie stark Polizei und Strafrechtsorgane für die Ziele des Unrechtsstaats missbraucht wurden oder wie schnell und umfangreich sich das Gros der Vertreter der Strafermittlungsbehörde dem Regime andienten.

Nicht zuletzt wird in diesem Archivbestand das Andenken an die Opfer des NS-Regimes auf Dauer festgehalten, die durch Ausgrenzung aus der propagierten nationalsozialistischen Volksgemeinschaft kriminalisiert wurden und schweres körperliches und seelisches Leid bis hin zu Verstümmelung und Tod ertragen mussten.

Im Rahmen eines Masterseminars im Wintersemester 2016/17 haben Studierende am Institut für Geschichtswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin unter der gemeinsamen Leitung von Prof. Dr. Michael Wildt (Bereich Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert mit Schwerpunkt im Nationalsozialismus) und Prof. Dr. Thomas Sandkühler (Bereich Fachdidaktik Geschichte) sowie in Kooperation mit dem Landesarchiv Berlin und der Historischen Kommission zu Berlin e. V. (Nachwuchsprogramm HiKo_21) aus dem Archivbestand in theoretischen und praktischen Abschnitten Akten ausgewählt und erforscht.

Die Studierenden präsentierten Ihre Arbeitsergebnisse in einem Workshop am 9. Mai 2017 im Landesarchiv Berlin. Der Workshop gliederte sich in vier Bereiche, in denen drei Straftatbestände und NS-Verfolgtengruppen und ein Panel zu den didaktischen Aufbereitungsmöglichkeiten der Quellen vorgestellt wurden. Senior Historians begleiteten diese Präsentationen mit jeweiligen thematischen Einführungen und moderierten die anschließende Diskussion.

Sie können die Workshopbeiträge über nachfolgende Links als Podcasts aufrufen:

Begrüßung und Einführung
Dr. Heike Schroll, Landesarchiv Berlin
Prof. Dr. Michael Wildt, Humboldt-Universität
Prof. Dr. Thomas Sandkühler, Humboldt-Universität

Ausgrenzung und Strafverfolgung von Homosexuellen (Panel 1)
Dr. Jens Dobler, Dr. Carola Gerlach: Einführung

Ausgrenzung und Strafverfolgung von Homosexuellen (Panel 1)
Katja Eickmans, Thea Jacob:
Fallbeispiele zur Verfolgung lesbischer Frauen

Eigentumsdelikte (Panel 2)
Dr. Malte Zierenberg: Einführung

Eigentumsdelikte (Panel 2)
Kathrin Kemer, Ulrike Wogenstein:
Fallbeispiele zu Verstößen gegen die Kriegswirtschaftsverordnung

Sozialrassistische Verfolgung (Panel 3)
Thomas Irmer: Einführung

Sozialrassistische Verfolgung (Panel 3)
Julia Dienstbier, Felix Marzillier:
Fallbeispiele zur Verfolgung von „Asozialen“

Didaktische Möglichkeiten (Panel 4)
Prof. Dr. Thomas Sandkühler: Einführung

Didaktische Möglichkeiten (Panel 4)
Michael Meyer:
Archivpädagogik 

Didaktische Möglichkeiten (Panel 4)
Marco Kolander, Frank Roßberg:
Unterrichtsentwurf zum Thema „Das NS-Repressionssystem: Polizei u. Justiz“